Ablösung – wenn Kinder erwachsen werden

Viele Jahre lang sind sie unser Lebensmittelpunkt – unsere Kinder. Und dann kommt der Tag, an dem sie endgültig flügge werden und ihre eigenen Wege gehen. Dieser Gedanke der Ablösung löst bei zahlreichen Eltern Ängste aus. Angst ist prinzipiell eine völlig normale Reaktion auf anstehende Veränderungen. Sie dient als Warnsignal und mahnt zur Wachsamkeit, insbesondere uns selbst gegenüber. Wenn Angst allerdings lähmt, ist unter Umständen Unterstützung nötig, um aus der Spirale auszusteigen.

Ablösung als schrittweiser Prozess

Die Ablösung der Kinder von uns Eltern ist im Grunde genommen kein plötzlich eintretendes Ereignis. Sie ist ein Prozess, der schrittweise vonstattengeht. Angefangen von der allerersten Abnabelung bei der Geburt, gefolgt von der Eingewöhnung bei der Tagesmutter bzw. in der Kita, über die teils emotional heftigen Autonomiebestrebungen in der Trotzphase, den Übergang von der Grund- in die weiterführende Schule mit ersten Klassenfahrten und schließlich dem ersten Urlaub alleine – ohne uns Eltern (aber gern mit unserem finanziellen Support :-)). Wir haben also frühzeitig und immer wieder die Chance, uns mit dem Thema Ablösung zu beschäftigen. Fördern wir die Selbstständigkeit unserer Kinder und geben wir ihnen die Möglichkeit, eigene (Fehl-)Entscheidungen zu treffen und eigene Erfahrungen zu sammeln und stehen als beständiger Begleiter zur Verfügung, ohne ihnen unseren Lebensentwurf überstülpen zu wollen, ist viel gewonnen – für beide Seiten. Kinder entwickeln so ein gesundes Selbstbewusstsein und kennen ihre Stärken. Und sie wissen gleichzeitig, dass sie bei uns Eltern Unterstützung und Rückhalt finden.

Ablösung als Chance zur Neuorientierung

Je selbstständiger unsere Kinder werden und je weniger sie uns brauchen, desto mehr wird uns vielleicht bewusst, wie wenig wir uns in den letzten Jahren um unsere eigenen Bedürfnisse gekümmert haben. Hobbies und Freunde haben wir aus Zeitmangel häufig vernachlässigt. Nun stellt sich uns die drängende Frage: Wie lässt sich das reaktivieren? Es ist zunächst wichtig, sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen und den aktuellen Status zu reflektieren. Ich möchte Sie einladen, folgende Fragen schriftlich zu beantworten, da allein der Prozess des Aufschreibens in uns mehr bewirken kann, als „nur“ Denken. Aus den Antworten lassen sich vermutlich bereits erste konkrete Schritte ableiten.
– Was spüre ich, bei dem Gedanken, mein Kind nicht mehr täglich um mich zu haben?
– Wovor genau habe ich Angst?
– Welche Chancen kann ich in der neuen Situation erkennen?
– Was wünsche ich mir für den neuen Lebensabschnitt, für mich und für mein Kind?

Mit dem Auszug unserer Kinder wird sich auch die Paarbeziehung verändern. Wir entdecken vielleicht neue Gemeinsamkeiten, aber auch Trennendes, nicht Ausgesprochenes und es gilt, eine neue Ebene für die Zweisamkeit zu finden.

Es hat sich bewährt, gemeinsam mit unseren Kindern zu besprechen, wie wir die Beziehung künftig gestalten wollen. Wie häufig und in welcher Form (analog oder digital) wollen wir Kontakt? Welche Rituale sind uns allen wichtig, was wollen wir als Familie beibehalten und was sollte verändert werden?

Reaktivierung früherer Verlusterlebnisse

Häufig ist es auch so, dass uns die Ablösung unserer Kinder an frühere Verlusterlebnisse erinnert und die alten Gefühle reaktiviert werden. Aus diesem Grund kann es sich lohnen, sich mit diesen alten Verlusterfahrungen auseinanderzusetzen und diese klar von der aktuellen Situation zu trennen. So kann es leichter gelingen, dass Gefühle von Stolz und Dankbarkeit überwiegen und Angst und Traurigkeit in den Hintergrund rücken.

Fallbeispiel:

Eine Klientin brach regelmäßig in Tränen aus und empfand eine tiefe Leere, wenn sie nur daran dachte, dass ihre 17jährige Tochter irgendwann das Elternhaus verlassen wird und jeder Schritt der Tochter in Richtung Selbstständigkeit verstärkte diese Angst. Es kam vermehrt zu Konflikten zwischen Mutter und Tochter. Je mehr vermeintlich Gutes die Mutter ihrer Tochter tun wollte, desto mehr fühlte sich die Tochter eingeschränkt und kontrolliert. In einem ersten Schritt betrachtete ich mit der Klientin die Beziehung zu ihren eigenen Eltern und den Verlauf dieses Ablösungsprozesses. Allein dadurch wurde ihr vieles klarer. Dann gestalteten wir eine Lebenslinie und füllten diese mit allen Höhen und Tiefen, die ihre Mutterrolle betrafen. Das Abschreiten der einzelnen Stationen war eine emotional sehr intensive Erfahrung. Am Ende empfand sie eine tiefe Dankbarkeit und spürte Optimismus und kraftvolle Energie.

Wenn auch Sie sich mit dem Gedanken der Ablösung noch schwer tun, können wir uns gern gemeinsam diesem Thema widmen, Ihre individuelle Situation anschauen und geeignete Wege für eine gelingende Ablösung finden. Vereinbaren Sie gern einen Termin.

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